Populism

V. E. McHale

26 Jul 2025

Der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit von Herrschaft und dem allgemeinen Bekenntnis zum Gleichheitsprinzip wurde durch die Unterwerfung der Herrschaft unter dieselben Spielregeln gelöst, die auch auf den anderen Gebieten des massendemokratischen sozialen Lebens gelten. Die Ausübung von Herrschaft steht demnach grundsätzlich jedem offen, wenn er sich nur als fähig erweist, die dazu gegebenen Chancen besser als die Konkurrenten zu nutzen. Das bedeutet eine Ablösung der Klassenherrschaft durch die Herrschaft von Eliten, die sich ständig konstituieren, auflösen oder in ihrer Zusammensetzung ändern, da ihre Mitglieder keine sozialen Voraussetzungen mit sich bringen müssen. Zugehörigkeit zu den Eliten ist weder erblich noch wird sie durch irgendwelche persönliche Eigenschaft außer der Fähigkeit zuerkannt, dem jeweiligen Gegner innerhalb und außerhalb der Elite erfolgreich gegenüberzutreten; Eliten können demnach zu permanenten Herrschaftsorganen erst nach der Atomisierung der Gesellschaft und der Durchsetzung der egalitären Prinzipien und Einstellungen werden. Sie entstehen in der Politik, in der Wirtschaft und im sozialen Leben, sie konkurrieren oder sie schließen Bündnisse miteinander und sie beziehen ihre Legitimation aus der Tatsache, daß sie jedem offen stehen, also nicht gegen das übergeordnete Prinzip der Gleichheit (der Chancen) verstoßen. Konkurrierende politische Eliten, die um die Herrschaft im Staat gegeneinander kämpfen, müssen sich zusätzlich durch das Votum der Wähler legitimieren. Jede Elite, die Anspruch auf solche Herrschaft erhebt, muß daher um die Gunst der Wähler werben, wobei sie den Willen derselben beeinflussen und sich zugleich von diesem Willen beeinflussen lassen muß. Der Ausweg aus der Zwickmühle der objektiv vorhandenen doppelten Notwendigkeit, Herrschaft auszuüben und den vielerlei Anliegen der Wähler Rechnung zu tragen, ist der Populismus, der in verschiedenen Abwandlungen und Intensitätsgraden eine nicht wegzudenkende Erscheinung im politischen und sozialen Leben der Massendemokratie darstellt. Populismus ist demnach die Art und Weise, wie der Gegensatz zwischen dem Grundsatz der allgemeinen Gleichheit und der (vorläufigen) faktischen Herrschaft einer Elite unter den Bedingungen massendemokratischer Politik (vorläufig) überbrückt wird. Er besteht darin, daß die politischen Eliten bei allem Bestreben, das Entscheidungsmonopol für sich zu behalten, bestimmten weitverbreiteten Ideen oder Vorurteilen Tribut zollen müssen, die dem Selbstgefühl der Massen schmeicheln. Demnach weist die jeweilige Elite den Verdacht von sich, ihre Herrschaft im Staat bzw. ihr Anspruch darauf würde die Gleichheit unter allen Mitgliedern der Gesellschaft beeinträchtigen oder gar aufheben, und stellt sich im Gegenteil als die zuverlässigste Garantie für die Bewahrung oder für den Ausbau dieser Gleichheit dar. Sie soll Fleisch vom Fleische des Volkes, bester Kenner und Interpret von dessen intimen Wünschen und Träumen, kurzum treuer Vollstrecker des Volkswillens sein.

The contradiction between the need for authority and the declaration of universal equality is resolved by the submission of the authorities to the same rules in force in other areas of mass democratic social life. The exercise of power is in principle open to anyone who proves himself capable of using the given opportunities better than the competitors. Consequently the ruling class is dissolved in favor of rule by elites who are continually being constituted, dissolved, or altered in their composition, as its members need not meet any social qualifications. Membership in the elite is neither hereditary nor conferred by any personal qualities aside the ability to successfully face any opponent inside or outside the elite; thus elites can become permanent organs of power only following the atomization of society and the assertion of egalitarian principles and attitudes. They emerge in politics, in business and in social life, they compete or ally themselves with one another, and they derive their legitimacy from the fact that they are open to all, i.e. not infringing on of the higher principle of equality (of opportunity). Political elites competing for state power must additionally legitimate themselves through the vote of the electorate. Any elite that levies a claim on such power must solicit the favor of the electorate, influencing their will and simultaneously letting themselves be influenced by this will. The resolution of the dilemma of dual necessities at hand, exercising power and accommodating the varied requests of the electorate, is populism. Political and social life in mass democracy would be unimaginable without populism in its various adaptations and degrees of intensity. Populism is the art and ways by which the contradiction between the principle of universal equality and the fact of (provisional) rule by an elite subject to the requirements of mass democratic politics is (provisionally) reconciled. The political elites, in all their endeavors to retain the monopoly on decision, must pay tribute to certain widely-held ideas and prejudices that flatter the ego of the masses. Thus the elite denies the suspicion that its rule of the state, or rather claim thereto, would threaten the equality of all members of society, presenting itself as in fact the surest guarantee for the safeguarding or expansion of this equality. They should be of the people’s flesh, most familiar interpreters of the people’s intimate wishes and dreams, faithful executors of the people’s will.

(Kondylis 1991, 198–201)

Kondylis, Panajotis. 1991. Der Niedergang Der Bürgerlichen Denk- Und Lebensform. Akademie Verlag.