The Postmodern Critique of Reason

V. E. McHale

7 Jan. 2026

Translator’s Note

Kondylis uses “postmodern” to mean developments in the 20th century which include literary and artistic modernism.

The Postmodern Critique of Reason

The preachers of postmodern values, that suspect reason as totalitarian universalism, do not want to see that their supposedly playful-humane skepticism cannot constitute a foundation for the regulation of human coexistence, but rather represents an ideologically sublimated projection of attitudes and mentalities that are characteristic of mass consuming and permissive mass democracy—from apolitical hedonism to resigned indifference and intellectual jester’s license. It should be assumed that most “postmodernists” that put forward their positions as socially desirable and humane neither recognize the logical conclusions nor are willing identify in toto with such a society whose unhindered, though in many ways contradictory, functioning generated, spread, and required such views. The question is not whether, in the abstract, “anything goes” nor whether the plurality of opinions and behaviors is beneficial for society and humanity, but rather, under what concrete circumstances such beliefs thrive. Being valid only under particular circumstances–which, incidentally, the “postmodernists” themselves tacitly admit, insofar as their thinking is based on just those current circumstances in Western societies, with no consideration of times of crises, historical upheaval, and cases of emergency. They share this political simplemindedness with the liberal or democratic champions of modernity, in spite of all other differences of opinion. They see through the potential aggressiveness of claims of reason, but in their quest to stamp out reason’s claimed universality and with it aggression, they cannot bring themselves to see that aggression historically preceded reason; reason is therefore not the source of aggression but only one of its potential weapons.

Aber auch die Verkünder postmoderner Werte, die die Vernunft totalitärer Universalismen verdächtigen, wollen nicht recht einsehen, daß ihre angeblich spielerisch-humane Skepsis keine Grundlage zur Regelung menschlichen Zusammenlebens überhaupt und als solchem bilden kann, sondern eine ideologisch sublimierte Projektion von Einstellungen und Mentalitäten darstellt, die für die massenhaft konsumierende und permissive Massendemokratie kennzeichnend sind - vom apolitischen Hedonismus bis zur resignierten Gleichgültigkeit und zur intellektuellen Narrenfreiheit. Es ist zu vermuten, daß die meisten „Postmodernen”, die ihre Positionen als sozial begehrenswertes und menschenwürdiges Ideal ausgeben wollen, weder diese Zusammenhänge bis zur letzten Konsequenz erkennen noch willens wären, sich mit jener Gesellschaft in toto zu identifizieren, deren ungehindertes, wenn auch in Vielem widersprüchliches Funktionieren solche Anschauungen überhaupt erzeugt, verbreitet - und benötigt. Die Frage ist nicht die, ob in abstracto „anything goes” und ob sich die Pluralität von Meinungen und Handlungsweisen wohltuend für „die” Gesellschaft und für „die” Menschen auswirkt, sondern die, unter welchen konkreten Umständen solcher Glaube gedeiht und welchem Denkstil er entspricht. Denn er gilt nur unter bestimmten Umständen - was übrigens die „Postmodernen” selbst insofern stillschweigend zugeben, als sie ihren Überlegungen die in den westlichen Gesellschaften gerade herrschenden Verhältnisse zugrundelegen, ohne sich über Krisenzeiten, geschichtliche Umbrüche und Ernstfälle Gedanken zu machen. Diese politische Einfalt teilen sie bei allen sonstigen Meinungsverschiedenheiten mit den liberalen oder demokratischen Verfechtern der Moderne. Sie durchschauen zwar die potenzielle Aggressivität der Ansprüche der Vernunft; doch in ihrem Bestreben, mit der Universalität beanspruchenden Vernunft auch die Aggressivität auszurotten, können sie sich nicht zur Einsicht durchringen, Aggressivität sei in der menschlichen Geschichte der Vernunft vorangegangen, Vernunft bilde daher nicht die Quelle der Aggressivität, sondern nur eine ihrer möglichen Waffen.

(Kondylis 1991, 5–6)

Kondylis, Panajotis. 1991. Der Niedergang Der Bürgerlichen Denk- Und Lebensform. Akademie Verlag.